21.
Jun.
2013

"Arbeiten wo andere Urlaub machen..."

...unter diesem Titel führt der "stern" eine besondere Artikelserie in der Menschen, die an besonders schönen Orten arbeiten, vorgestellt werden. Zu diesem Artikel gehört auch ein Rezept, was in Nancy's Fall die Erdbeer - Mohn - Torte ist.

Hier nun der vollständige Artikel aus der Stern - Ausgabe vom 20.06.2013 von Bert Gamerschlag über Nancy:

"Es ist das flattrige Zerren, das böige Reißen des Nordwest, das aus den Buchen und Kiefern an den Ostseesteilufern die "Windflüchter" macht. Zauselige Bäume sind das, denen der Wind, seit sie Sprösslinge waren, nie anders als hart ins Gesicht blies und die darum mit Ästen, dürren Zweigen und kargen Blättern nach Osten ausweichen wie starre Flaggen im Wind. Gesichter der Ostsee.

Und dann gibt es noch die anderen. Die den Wind suchen, ihn aus Hunderten von Kilometern herbeisehnen, Windflüchter auch sie, nur andersherum, sonnenbraun. Das sind die, die erst Sommer für Sommer zu ihm hinauffahren, um sich ihm irgendwann ganz zu ergeben und bei ihm niederzulassen, beim Wind. Das sind die Surfer.

"Ehrlich gesagt, komm ich kaum zum Surfen", sagt Nancy Fleischmann, trotz ihrer 32 mehr Mädchen als Frau, und pustet sich das Mehl von der Backe, indem sie aus dem rechten Mundwinkel einen Windstoß in die Höhe bläst. "Dabei bin ich genau dafür auf den Darß gezogen."
Aber was soll man machen, wenn sie täglich 15 Kuchen erst fünf Stunden lang backen und dann anschliessend verkaufen muss. Kuchen sind nun mal ihr täglich Brot. Da bleibt zum Surfen zu wenig Zeit, nicht während der Saison jedenfalls, wenn sich die Feriengäste wie ein zäher Lavastrom in ihr Cafe wälzen und sie sich nicht mal einen einzigen Ruhetag gönnt, weil es sonst heißt: "Die Fleischmann wieder, wohl wegen Wohlstand geschlossen, wa?" Aber sie klagt nicht.

Der Darß ist ein wilder Ort. Sein Zentrum ist ein Urwald von Buchen, Eichen und Kiefern. Zum Verlaufen, mit mannshohem Farn. Niemand wohnt dort. Seine Westseite ist geradezu wüst, dort frisst sich die Ostsee bei Sturm in den Wald und reißt ganze Stücke heraus. Die Opfer verbleichen am Strand, bis sie mit den Jahren weiß wie Skelette sind und als Staub verweht werden. Da geht kein Förster ran, das ist so, die Natur bleibt sich selbst überlassen.

Jetzt, Anfang Juni, ist gerade noch Vorsaison, also haben Nancy Fleischmann und ihr Partner Timo Dölling, 37, noch Zeit, aufs Wasser zu gehen. Die beiden sind aus Leipzig, eigentlich Stuckateure und Restauratoren, aber Timo stammt aus einer alten Seglerfamilie, er musste einfach hier hoch an die Ostsee, und Nancy ging mit. Statt Gips schmeißt sie jetzt ihr Cafe in Prerow und kann ganz gut davon leben. Der Timo ist natürlich Surflehrer geworden - war nun mal sein Traum. Sie gönnt's ihm.

Leben mögen sie ja auf dem Wasser, aber wohnen tun beide in Born, das istt ein schöner Ort, auch wenn er langsam überentwickelt wird. Was auch für die Nachbarorte gilt. für Prerow, Wieck, Wustrow und Zingst sowieso - und da ist es am deutlichsten - für Ahrenshoop: Eine Allianz aus Bauunternehmern, Investoren, Architekten und Lokalpolitikern will immer weiter bauen. Noch ist es dort wunderschön, aber das Bild droht schon u kippen, jetzt muss hier mal Schluss sein mit Bauen und Investieren, findet Nancy Fleischmann. Das stimmt, geht es so weiter, sieht es rings um den Darß bald so aus wie an der Cote d'Azur. Mondän. Aber tot.

Jetzt aber ist es noch sehr lebendig und volkstümlich. Die hartgesottenen Ostseeliebhaber kommen natürlich auch im Winter bei Eisgang. Aber erst im Sommer - von Mitte Juni bis Mitte Septeber - sind die Strände der Ostsee wirklich voll. Alle kommen, Hans und Franz. Längst haben sich ost- und westdeutsches gemischt, und auch die Wessis lassen inzwischen die Hüllen fallen.

Bis vorm Krieg war das einst bettelarme Fischland, also die dünne Landbrücke vom Festland hinüber zum Darß, einmal eine Künstlerkolonie, Worpswede ähnlich, besonders Maler zog es hierher. Zu DDR - Zeiten knubbelten sich hier die Mächtigen des sozialistischen Gängelstaats, in dem Nancy Fleischmann noch geboren wurde.

Joachim Gauck - der freilich nicht zu den DDR - Mächtigen gehörte - hat mit seiner Familie ein Haus dort, in Wustrow, das Erbe seiner Großmutter. Und einen Ort weiter wohnt Egon Krenz. Im Supermarkt in Ahrenshoop können sie sich begegnen oder am Strand. "Ist das nicht schräg?" fragt Nancy Fleischmann. "Reden die miteinander? und was sagen die sich dann?"

Die Profisurfer kreuzen vor der Steilküste vor Ahrenshoop. Die nicht ganz so firm auf den Brettern sind, segeln auf dem Bodden, dem brackigen Achterwasser hinter der Halbinselwelt von Fischland, Darß und Zingst. Je weiter man dort Richtung Osten surft -  oder auch auf dem Land das Achterwasser entlangradelt - desto kargerwird es. Richtung Zingst stehen dann nur noch sandig-sumpfige Birken- und Erlenwärder. Schafe weiden da und Rinder. Es gibt Achterwasserinseln wie die Barther Oie und der Kirr, da bringen die Bauern im Mai ihre Rinder mit Kähnen hinüber. Bis November bleiben die Viecher dort sich selbst überlassen.

Dür den, der lauscht, ist dort jeden Tag sinfonisches Pfeifkonzert. Ein Orchester von Möwen, Seeschwalben, Lerchen, Gänsen und Uferschnepfen beflötet das Land. In den Bodden stellen die Fischer Reusen für Zander, Barsch und Aal. Natürlich steht in jedem Hafen eine Räucherfischbude, da kann man sich hinhocken und glotzen, wie Zeesboote - das sind die alten Segelkähne - von ihren Fahrten reinkommen. Nancy Fleischmann kennt nichts, was entspannender wäre. Spannenderes kennt sie schon. Surfen."

Wir danken Bert Gamerschlag für diesen wirklich wunderschönen Artikel und wünschen euch viel Spaß und genüssliche Momente mit Nancy's Lieblingskuchen, der Erdbeer- Mohn- Torte.

Eure Ute & Nancy